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Berg-Geschichten 2017-05-19T01:29:17+00:00


Als der Braunbär noch im Grenchenberg-Wald herrsch­te

Das Wiederauftauchen des Bären im Gebiet des Nationalparkes beschäf­tigt die Gemüter. Vor 250 Jahren war der Braunbär auch im Wald ober­halb Grenchens und Bettlachs daheim und wur­de eif­rig gejagt. Schliesslich war es ein unbe­kann­ter Bettlacher, der 1754 den letz­ten Bären im Kanton Solothurn erlegt hat­te. Ende Oktober 1754 schlu­gen Bettlacher Männer wie sie es oft taten auf dem Obergrenchenberg Bäume, die sie über die Wandfluh stürz­ten, mit der Absicht, sie spä­ter zu ver­koh­len.

Nach geta­ner Arbeit zogen sie sich in die Sennhütte zurück, wo sie die Nacht ver­brin­gen woll­ten. Nur einer blieb im Freien, denn weil er ver­spä­tet gekom­men war, woll­te er noch einen Baum am Abgrund der Wandfluh fäl­len. Plötzlich hör­te er hin­ter sich ein Brummen, und als er sich umschau­te, erblick­te er einen gros­sen auf­recht ste­hen­den Bären, der im Begriff war, ihn mit den Vorderpranken zu umklam­mern. Ohne lan­ge zu über­le­gen, hob der Bettlacher sei­ne Axt und schlug dem Bären eine gros­se Wunde in die Brust. Das Tier wur­de geriet vor Schmerz in gros­se Wut, umklam­mer­te den Holzhauer und ver­setz­te ihm mit sei­nen Krallen meh­re­re Wunden. Die bei­den ran­gen mit ein­an­der und gerie­ten in ihrem Kampf immer näher an den Abhang der Wandfluh.

Der Mann, der sich vor dem Tod durch die schreck­li­chen Zähne des Bären fürch­te­te, woll­te den Kampf so oder so been­den und liess sich mit­samt sei­nem Gegners über die Fluh in die Tiefe fal­len. Weil der Bär schwe­rer war als der Mann, kam er beim Fall unter den Holzhauer zu lie­gen. Zuerst wur­de der Fall von einer Tanne gemil­dert, dann jedoch stürz­ten die bei­den auf die Steine am Fusse der Wandfluh. Dort blieb der Bär zer­schmet­tert lie­gen, auf ihm ohn­mäch­tig der geschwäch­te Mann. Am Morgen weck­te ihn der Regen, und er stell­te fest, dass wohl über­lebt, aber eini­ges gebro­chen hat­te. An ein Fortkommen war nicht zu den­ken. - Später sah er sei­ne Kameraden und rief sie um Hilfe. Als er abends nicht in die Sennhütte gekom­men war, ver­mu­te­ten sie, er sei noch vor Einbruch der Nacht nach Hause zurück­ge­kehrt. - Dank guter ärzt­li­cher Betreuung und Pflege über­leb­te der Mann. Das rech­te Bein aller­dings muss­te ampu­tiert wer­den. Trotzdem leb­te er noch etli­che Jahre lang.

Diese Geschichte erzähl­te der Berner Professor Emanuel Friedrich Zehnder, Herausgeber des “Schweizerischen Jugendfreund” und zwar im Jahrgang 1838. Im “Heimatbuch Grenchen” schrieb Werner Strub dazu: “Durch den Todessturz des Zotteltieres bei Bettlach war in unse­rer Gegend die Bärengefahr defi­ni­tiv besei­tigt.” Als die Grenchner den Bären jag­ten - In den Chroniken wird als ers­te Bärenjagd jene vom 5. Februar 1578 erwähnt. Es darf aber ange­nom­men wer­den, dass bereits frü­her Jagden auf den Brummbären statt­ge­fun­den hat­ten. An die­ser ers­ten schrift­lich erwähn­ten Jagd betei­lig­ten sich Bettlacher und Grenchner. Es gelang der Gruppe tat­säch­lich, den Bären zu töten. Anschliessend ent­stand jedoch zwi­schen den bei­den Dorfgemeinschaften ein gros­ser Streit, weil bei­de Gemeinden des gan­zen Bären für sich bean­spruch­ten. Die Regierung spiel­te Schiedsrichter und ent­schied, der Bär gehö­re nach Grenchen, sei er doch auf dor­ti­gem Gemeindegebiet getö­tet wor­den. Allerdings müss­ten die Grenchner die nicht uner­heb­li­chen Kosten voll­um­fäng­lich über­neh­men. Später sub­ven­tio­nier­te der hohe Regierungsrat aller­dings die Bärenjagd.

In spä­te­ren Jahren geis­ter­te der Bär immer wie­der durch die Geschichte unse­rer Gegend: 1589 erhielt Ris “Marxens Sohn” von der Regierung zur Belohnung, dass er einen Bären zuerst gesto­chen hat­te, ein Paar Hosen geschenkt. 1634 gelang die­ses Kunststück Joggi Hentzi, wor­auf ihm die Regierung als beson­de­re Auszeichnung Hosen in den Solothurner Farben über­reich­te. - Nigi Güggi stach 1634 einen erst halb­ge­wach­se­nen Bären und erhielt dafür statt der übli­chen regie­rungs­rät­li­chen Hosen bloss ein Trinkgeld von drei Pfund und sechs Schilling sowie acht Plutzgern. - Eine gros­se Bären-Jagd fand 1657 statt. Ein Bär hat­te im Leberberg meh­re­re Tiere geris­sen, wor­auf die Regierung zur “Landjagd” auf­bot, wel­che meh­re­re Vogteigrenzen über­schritt.

Leider sind über die Ergebnisse die­ses Abenteuers kei­ne Unterlagen vor­han­den. Dafür exis­tiert die pein­lich genau geführ­te Abrechnung über die Bärenjagd von 1734. Auf Befehl von Jungrat und Obervogt Sury von Bussy betei­lig­ten sich nicht weni­ger als 178 Personen an die­sem Unternehmen, das offen­bar meh­re­re Tage dau­er­te. Seit 251 Jahren wur­de in den Grenchner Jurawäldern kein Bär mehr gesich­tet, und es ist wohl kaum anzu­neh­men, dass der Bär hier wie­der hei­misch wird. Doch, wer weiss es wirk­lich…?

Quelle: Museumsgesellschaft Grenchen, von Rainer W. Walter, Grenchen